// Dinoblesse.


Sie hat sich damals schon schwergetan, als ihr das eifrige Feiern entwendet wurde. Aus ihr wurde ein leicht schwermütiges Zögern. Eine Fadesse haftete ihr seither an und befähigte sich einer wahren Tristesse. Beinahe so, wie wenn man aus einem Dorf in Süddeutschland kommt, welche mit der größten Penisdurchschnittslänge, von rund 19 Zentimeter, aufwarten kann. Gefühlt, aber auch genetisch, ist jeder Eineinhalbte miteinander verwandt und deshalb variiert die Penislänge nur zwischen 18 und 23 Zentimeter. Der Prolog des Texts vom Dorfmuseum beginnt selbstredend mit: „700 Mannen der Burg hier treu. Keine Scheu vor Nichts, außer vor sich selbst, denn ihre Leibe reichlich bestückt mit wuchtigen Schwänzen, den 32 Zentimetern nicht zu fern.“ Ein mumifizierter Penis des Anführers lässt sich von hinter einer Glasscheibe beschauen. 39 Zentimeter misst der ausgefahrene Recke mit dem Untertitel „Schorsch der Brecher“. Ich ging also raus und machte mich daran, traurig zu sein. Traurigkeit lasse ich gerne zu wenig zu. Traurigkeit kehrt sich bei mir inzwischen ganz routiniert selbst unter den Tisch. Proviantiert mit nicht geweinten Tränen und dem unablässigen Wegschauen und die Ablenkungen, Ausreden und das Aushalten vom Schmerz. Ich bin also draußen – außerhalb der Situation. Denke mir kurz „Schade, hätte ich doch mal..“ und kaue, zu anwesend, auf dem Geflecht der Irritation herum. Schlucke das Ganze herunter und hoffe, dass es nächstes Mal vielleicht anders ist. Andere, abgestumpfte Gefühle fühlen sich besser an. Da muss ich nicht so viel Energie reinstecken. Das sind Mühen, die mir erspart bleiben könnten. In der Tat, du gnadenloser Irrer. Hoffnung auf „das nächste Mal“, ohne sich der Situation überhaupt zu stellen? Das trügerische ist nicht die Traurigkeit, die sich wegkehrt, sondern das Wegkehren und alle Prozesse an für sich, die das verursachen. Die Energie, die in dem Moment eventuell verbraucht wird sind Opportunitätskosten. Dinge, die im Später dafür weniger Energie rauben, sondern sie herschenken. Ohne das Einlassen und die Akzeptanz auf meine Devotesse werde ich mich bis zum feierlichen Abtreten in dieser Hinsicht qualvoll im Kreis drehen. Um der Wildnis zu entfliehen und doch den Berg der Tugend zu erreichen, verliere ich mich oft in inneren Abwärtsspiralen des Infernos und spüre den Panther und die Wölfin im Nacken fauchen. Und bin ich nicht willig, so brauch ich Gewalt.

„Durch mich geht man hinein, zum ewigen Schmerze.“

Meine Gefühle betreten jenes Tor immer wieder aufs Neue. Es schließt sich und ich bin zunächst von ihnen befreit. Die Gefühle erfahren das Leid und die Tristesse dennoch. Wachsen, gedeihen und verklären den Blick auf die Pein. Werden damit alleingelassen und sehen sich doch so sehr nach der Anteilnahme. Nach jemandem, der bereit ist zuzuhören, weil er es will. Jemand, der Verständnis für Trauer, Schmerz, Verletzlichkeit zeigen und selbst auch mitempfinden kann. Der Jemand, den es gibt, aber um all dies zuzulassen, müsste er Verletzlichkeit zunächst gegenüber sich selbst zulassen. Kamm er das? Kann ich das? Alles kehrt bei der nächsten Traurigkeit kurz zu mir zurück, stupst mich an, bevor ich sie dann wieder ins Tor schubse. Die Gefühle des Jammers kommen, frisch aus ihrer Ohnmacht erwacht, zu mir zurück.

Sie sind mir also nicht mehr devot, sondern versuchen Macht zu erlangen - das kann ich leider nicht zulassen. Ich will nicht schwach sein. Vor niemandem und schon gar nicht vor mir selbst. Lieber kehre ich das In-mich-gekehrte hinaus.

Bild: manka_kasha

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