top of page
  • Instagram
  • Facebook
  • Twitter

// Hund bellt Schwein an — und Matcha gibt's jetzt mit Erdbeere.

  • Autorenbild: Michael Schuster
    Michael Schuster
  • vor 13 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

Im äußersten Notfall verzwecke ich mir den Abend mit Bewegtbild-Fummeleien. Wenn der Kopf mit sich im Unreinen ist und auf der Abstellspur des Lebens das Warndreieck wieder mal seine Warnweste trägt, lege ich den Gedankenstrom aufs milde Gleis meiner Untätigkeit. Da liegt es, da siecht es und meistens wandern dann irgendwelche Jugendlichen vorbei und ergötzen sich an dieser schummeligen Baracke des Seins. Da schwelen Hoffnung und Liebesdienste gleichermaßen. Und wer da nicht schnell genug nen erhabenen Abgang hinlegt, findet sich so schnell auch nicht wieder. Das alles nun, um zu sagen, dass es Donnerstag ist. 

Bare with me, der Text hat nen Punkt, ne Pointe, n ungewaschenes Kleidchen, das er zum Schlusssatz hin bei 90 Grad nochmal gut durchwäscht. 

Im Rauch des Abendklimmbimms schüttelt es mich in der U6 nach oben. Wedding, Seestraße, Afrikanische Straße, Rehberge. Mit einem herausgeputzten Ächzen knarze ich ins Freie hinaus. Irgendwasstraße Ecke vollgekotztes Straßenschild. Das lässt sich leicht übersehen, aber in Wirklichkeit verschlägt es hier hoch sowieso nur das eingeweihte Personal des Lebens. Hier oben, zwischen Shisha-Bar, Shisha-Bar und Shisha-Bar wurmt sich nur durch, wer auch wirklich auf Durchwurmen aus ist. 

Da liegt mir direkt der schwäbische Kalauer-Klassiker im Magen, wie ne gebratene Zwiebel im Schweinedarm: “Zwischa Shisha-Bar, Shisha-Bar und Shisha-Bar siehsch a baar Shisha-Bars.”

Klappe zu, Zunge tot. 

Treffpunkt fürs Freiluft-Kino steht fest, nur nicht der richtige Ausgang an der U-Bahn. Im feinsten Weitwinkel-Erlebnismodus drehe ich Kopf und Hals. Den Kumpel winke ich dann wenig später winkend zu mir rüber — vom 100 Meter entfernten Ausgang. Mit einem Bier beseelten Hallo schnaufen wir uns gegenseitig ein Grüßchen ans Ohr. Das scharrt an der Seele und stempelt der Freundschaft warmes Siegelwachs ums Herz. 


Der Kiez bietet derweil weitaus weniger als man erwartet. Mit Schunkelei in der Stimme mäandern wir durch die Seitengässchen und Hundehaufen.

Kleingartenverein Togo e. V., Togostraße, Manga-Bell-Platz, Maji-Maji-Allee. 

Hoch die Anhöhe. 

Die Kino-Werbung schmückt ratgebend das blattgesprosste Dickicht des Waldes wie Graffiti. 

Kurz noch ein 9€-Ticket an der Kasse geholt, nicht über Los gegangen und hinein geht's, in die offene Bühne und vor die imposante Luftmatratzen-Leinwand, welche mir die einzige valide Schlafoption für einen erstrebenswert Festival-Besuch bieten würde. 

Das Popcorn wird süß-salzig bestellt, bin ja schließlich kein unwissender Haiopai. 

Wasser steckt im Rucksack, bin ja schließlich Schwabe. 

Noch kurz ein paar Pumpspritzer Autan auf den freiliegenden Nacken, die nackten Hände und einen in die Luft, for good luck. Is wie mit Salz, nur umgekehrt und duftend. 

Wir suchen uns Plätze, aber am Ende findet der Platz einen ja sowieso selbst. Egal wo. 

Denn: Irgendwo im Umkreis von 3 Metern holt jemand ne volle Flasche Chardonnay raus und leert sie noch während der Trailer. Da sitzt 2 Reihen hinter oder vor einem am Ende immer eine Gruppe von 3, die ihr Maul 2 Stunden nicht halten und unbedingt wissen müssen, warum da eine Packung Milch auf dem Tisch im Film steht. Sobald der Film losgeht, setzt sich schließlich noch jemand hinter dich, der irgendwann beginnt Bilder vom Film zu machen, mit Blitzlicht. Und freilich kaut 70% des Publikums mit offenem Mund Popcorn, raucht eine komplette Schachtel (Quarz-Stängelchen, wie ich unlängst wieder las) in der ersten Stunde des Films und vertieft Gespräche übers Geburtstagsgeschenk für Merit, weil die ja bald 50 wird. 

Die leere Flasche Chardonnay ist inzwischen 5 Mal umgekippt und jedes Mal wieder an dieselbe Stelle zurückgestellt worden. Ich lese in der Reihe vor mir mit, was auf Instagram und WhatsApp geschrieben wird (nicht Film relevant) und wie auf Bumble geswiped wird. (der gute Herr vor mir scheint 50+, die Damen auf seinem Bildschirm 21-)

Vorne läuft übrigens “Eden”, mit der Sydney Sweeney, mit dem Jude Law und mit dem Deutschling Daniel César Martín Brühl González. Alles aber Banalität, verglichen zum Drumherum. 


Die Filmstunden streichen das jahrelange Abenteuer des Originalstoffs auf etwas über 2 Stunden Leinwandepos zusammen. Sehr erträglich. Dennoch: 90 Minuten reichen bei Filmen vollkommen aus, da muss man sich nur etwas Mühe geben und weniger selbstverliebt sein. 


Für Merit wurde inzwischen ein Nägel-Set bei Amazon bestellt. Und Erdbeer-Matcha-Gläser, weil’s dafür die Latte-Gläser vom 30er oder die Caipi-Gläser vom 40er nicht mehr tun. Die braucht noch mehr Staubanfälliges und Spülmaschinen-Taugliches. 


Irgendein Hund bellt jetzt allerliebst umher, weil im Film ein Schwein auftaucht — und grunzt. 

Das hat einfach alles so viel Charme, dass ich solche Abende normalerweise eher alleine erlebe und mich an den äußersten Rand des ganzen Spektakels setze, um den Glauben an die Gesellschaft nicht zu verlieren. Heute bin ich aber eben hier, inmitten eines Tumults, der nach 2 Stunden dann naturgemäß weniger wird. Der Film endet, alle Notwendigkeiten wurden bestellt, Matches gab es für den Sugar Daddy vor mir keine, dafür klebt mir noch reichlich Popcorn im Schritt. Und das ist ja, naturgemäß (man verzeih mir diesen doppelten Thomas-Bernhard im Text), eh das Beste an so Abenden. 


Kommentare


Aktuelle Einträge
Archiv
Schlagwörter

Keine Neuigkeiten verpassen

© Copyright 2018-Present – Alle Inhalte dieser Website, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken sind urheberrechtlich geschützt.  Das Urheberrecht liegt, soweit nicht ausdrücklich anders gekennzeichnet, bei Michael Schuster.

bottom of page