// Bushaltestelle en passent.



Im Café, in dem ich sitze, gibt es natürlich keine Bushaltestelle, sei kein Narr. Auch draußen sehe ich weit und breit keine. Nein, da tut sich nichts in dieser Form auf. Kein Häuschen mit Dächchen (wohl eher Dächlein oder mit Liaison-e: Dächelein) und ohne grüngelbes H-Schild und Fahrpläne und orangene Mülleimer.

Sapperlottchen, wie komme ich denn da drauf.. Hm.. ach ja, ich weiß. Max Goldt brachte mich neulich drauf. Eine Bushaltestelle kann man nicht spannend und leserfreundlich durch Schreiben beschreiben, meinte er da. Mal sehen.

Gerade erst hab ich den Satz: “Ich finde die neue Möbelanordnung von XY sehr gelungen.” mitanhören müssen.

Erstmal: Das sind wahrlich Sätze, die man bisweilen von älteren Jahrgängen herschallen hört. Vergleichbar wäre ein Satz wie: “Südseite, genau. Wir haben furchtbar viel Sonne auf dem Balkon.” oder sich der Neuigkeitengehalt auf den Tod der Nachbarn in der Straße und auf “Hecke gestutzt, jetzt kann ich wieder besser gießen.” beschränken.

Zweitens: Ließe sich zur Not über das Arrangement der Sitzgarnitur im bedächelten Bushaltestellen-Wartehäuschen lobend berichten? Meistens gibt es die ja nur in einer Ausführung. Ebenso wie das Dach und die Seitenwand mit Riss, Graffiti oder Kot darauf. Weltweit, so scheint es. Wohl also eher nicht. Weiter.

Wie steht es mit den ringsherum stehenden Busreisenden in spe. Deren Verhalten könnte man vielleicht beschreiben. Wie sie so Kaugummi kauen, lesen, rauchen, Musik hören, knutschen und, meist von anaphylaktischer Wichtigkeit, warten. Immanenter Bestandteil eines Wartehäuschens.

Man könnte in sämtliche Gedanken abtauchen und überlegen, wer wen heimlich anlinst oder im Smartphone bei Whatsapp mitliest. Wer deshalb eine Erektion hat und wer auf dem Weg zu Edeka ist. Wer ohne Ticket hinten einsteigen und wer unüberlegt in die falsche Linie einsteigen wird. Wer zu spät zur Verabredung kommen wird und wer eine Station zu spät heraushüpft. Wer vom Busfahrer angepöbelt wird und wer der Mutter zuhause von einer 5 in Mathe berichten muss. Wer Fleisch isst und wer vegan lebt. Wer eine schöne Kindheit hatte und wer sich in der Gesellschaft bald aufführen wird, wie ein breitfüßiger Flickenteppich. Ich denke, ihr könnt euch weitere Eventualitäten selbst erschließen. Dinge, die dem Augenschein also zumeist unerschlossen bleiben, könnten von Interesse sein.

Na dann: Was stand hier wohl vor 231 Jahren? Könnte man das Häuschen einmal komplett mit Geschenkpapier einhüllen, ohne das es reist, und würde der Busfahrer dort dann trotzdem anhalten? Würden die Wartenden freiwillig auf den nächst kommenden Bus verzichten, wenn ich ihnen sagen würde, dass der übernächste zwar erst in 9 Minuten kommt, dafür 8 Minuten früher am Ziel ankommen wird? Wie alt werden Brezeln? (ne, falsches Word-Dokument). Wer geht bei plötzlich einsetzendem Regen unters Dach, wer spannt einen Schirm auf und wer setzt sich einfach eine Kapuze auf? Denkt sich einer der Busfahrer im Moment “Ne, da halte ich jetzt nicht. Die sehen aus, als würden viele mit großen Scheinen zahlen wollen!”

Die Liste, ohne Listenform, könnte noch weiter und weiter erarbeitet werden. Ich will aber noch einen neuen Ansatz wagen:

Ich würde gerne die schattenspendenden Bäume, neben dem Bushaltestellen-Wartehäuschen, eingehender befragen, was sie denn, in all den Jahren, am Lustigsten, Schrecklichsten oder Neutralsten fanden. Und was passiert denn, wenn es keine Wartenden gibt? Kitzeln die, vom Mondlicht geborenen, Baumschatten die der Häuschen und umgekehrt? Spielen sie Mühle oder kloppen eher Skat? Looping Louie? Verachten sie bei Tags das wartende Völkchen oder pflücken sie behutsam alle verursachten Momente sorgfältig von den Erlebnissen ab und legen sie in eine schmucke Schatulle?

.. Ah, das Café schließt ab. Selbiges werde ich dann auch tun.

Hm, Max Goldt hatte Recht. Es lässt sich das Haltestellchen nur schlecht durchs Schreiben beschreiben. Aber ich gab mir redlich Mühe und hoffe, erfürchtigst, dass ihr wenigstens von einem Dächelchen belächeltchen werdet.

Tschüsselchen.

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