// Quasi.


“Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium.. wir betreten und sind Feuertäufer.. Das ist die Europäische! Nationalhymne! Auf Deutsch! und nicht! auf Englisch!”

Es raunzt. Aus seinem alkoholisierten Rachen. Abendliches Pöbeln, weil acht Bier intus und keinen Schlafplatz heute Nacht. Punker durch und durch, immer noch. Im Herzen.

“Erlaubt euch nicht zu viel, sonst schicke ich euch zu Luuuzifer. Alles ist schlimm. Aber der Tod wird noch viieel schlimmer.. hahaha.. du bist doch hier der Assi. Schau dich doch mal an. Hast doch nur deine Familie.. wegen dir steig ich hier jetzt aus.. dir.. dem Arschloch. Dem größten Arschloch hier.. DU bist der Assi. DU hast mich angegriffen. Einen 51-jährigen. Das ist das Letzte. Hattest du keine Erziehung? Schau dich doch mal an. Hättest du dich mal mit Worten gewehrt.. Gesagt: Halt die Fresse und verpiss dich!”

“Ich hätte mich wohl auch nicht verpisst, so wie ich das aus Erzählungen höre.

Ob ich das alles so meinte, was ich da so von mir gab? Vermutlich schon, warum auch nicht. Besoffen sag ich mehr Wahrheit als vor dem siebten Bier. Sagte mein Paps immer.. haha.

Ob er auch Säufer war? Na, hören Sie mal, das will ich doch stark hoffen. Sonst wäre der aber wirklich aus den falschen Gründen abgesoffen. Naja, schwimmen konnte er noch nie gut, das stimmt schon. Aber damals wollte er auch nur kurz darin baden. Irgendwie is er dann abgerutscht und ging dann auch quasi unter wie n beschissener Stein. Haben mir die Typen so erzählt, die mit ihm unterwegs waren in der Nacht. Waren alles Nichtschwimmer und hatten schiss hinterherzuspringen um ihn wieder rauszuziehen. Zudem waren die doch alle selber zugesoffen und schrien nur panisch ins Wasser rein. Kläglich ist das Ganze. Ganz viel Scheiße, die da so täglich passiert. Jaja. Ist also ersoffen, so erbärmlich wie er auch gelebt hat.

Aber ich meine das ja eigentlich nicht immer so, wie es vielleicht rüberkommt. Also quasi schon, aber anders. Verstehen Sie? Ich will ja quasi nur für Deutschland sein. Da, in der U-Bahn, saßen ja nur Leute um mich, die Englisch gesülzt haben. Is doch immer noch Berlin hier, nicht irgendeine Stadt in England oder Amerika. Ich kann hier ja oft gar nicht mehr auf Deutsch einen Kaffee bestellen. Versteht ja fast keiner mehr “Einen Kaffee, bitte”. Überforderung mit dem Satz, den man in einem Kaffeehaus wenigstens verstehen sollte. Scheiße ist das doch.

Wie auch immer. Ich wollte die ja alle nur von meiner Meinung überzeugen, in der U-Bahn. Das ich den Typen gegenüber von mir angespuckt hab tut mir ja ein bisschen Leid. War ja auch ein Deutscher. Aber halt ein Assi, der mich angegriffen hat. Ein Arschloch war das. Hab ja nur meine Zigaretten gedreht und gesungen.. auf Deutsch. Is doch okay, in einer deutschen Stadt deutsch zu singen. Oder? Hab ja nur gesagt, welche Sprache das Lied hat, war ja nur eine Tatsache. Kein Grund für Stress. Oder? Alle sind so empfindlich geworden. Die Sprache ist eben deutsch und es ist die EU-Hymne. Damit sollte doch quasi alles gesagt sein.

Mein Paps? Ja, der war Patriot durch und durch. Der liebte die Tschechoslowakei wie nichts Anderes. Ich breche lieber Hälse, bevor jemand mein Land schlecht macht. Das sagte er immer, wenn wieder mal Ausländer vor uns oder an uns vorbei liefen. Dann warf er seine Bierflasche nach ihnen. Radikal, klar. Aber er wollte mir ja irgendwie Werte beibringen. Da musste er eben etwas drastischer reagieren. Quasi mit Bier für Recht.

Rechte Tendenzen? Naja, das würde ich nicht sagen. Es kotzt mich nur an, dass ich auf der Straße leben muss und die alles ins Arschloch gestopft bekommen. Werden zugepudert und mit Handys beschenkt. Die dürfen günstig wohnen und ich, als Staatsbürger, besauf mich tagsüber, weil ich diese elende Scheiße sonst nicht ertrage.

Ungerecht behandelt? Na, hören Sie mal. Wenn das nicht unfair ist, was ist es dann?

Auch meine guten Homo-Freunde, ich nenn die immer meine engen Freunde, finden das auch Dreck. Zumindest können die sich gegenseitig ficken, wenn sie beschissen drauf sind. Streetworker laufen ja ständig rum und verteilen Kondome.

Drogen? Ne, hab ich mal. Die ticken das heute aber recht geschickt, quasi Mund-zu-Mund. Das Heroin stopfen die sich, in kleine Kugeln verpackt, in den Mund. Nachdem das Geld in der Tasche ist, spucken sie eine aus und der Käufer hebt sie auf und steckt sie sich in den Mund. Das war’s. 10€ kostet so ein Schuss. Das geht. Besitz ist illegal, aber im Mund transportiert merkt das doch fast keiner.

Wo? Naja, quasi überall. Aber zurzeit ticken die viel entlang der U7.

Tschuldigung, ich will jetzt mal weiter. Flaschen sammeln und Schlafplatz suchen.

Ja, Sie auch. Und aufpassen. Wir Deutschen müssen zusammenhalten. Tschö.”

Er läuft den Kottbusser Damm entlang, biegt links in die Sanderstraße und ist verschwunden. Meine Notizen hab ich, atme erstmal tief durch.

Ich laufe in dieselbe Richtung wie er. Sehe ihn, fünf Meter entfernt, in einem Hauseingang stehen. Die Nacht hatte sich inzwischen den Sabber des Tages aus dem Gesicht gewischt und zupft sich jetzt behaglich die Augenbrauen. Der Mann hingegen lässt seine zwei schweren Taschen auf den Boden fallen, wodurch deren Inhalt unglücklich herausfällt. Er schaut hinab zum Boden. Stützt die Hände auf die gebeugten Knie, atmet aus und bricht in Tränen aus. Sein ganzer Körper bewegt sich, hüpft geradezu. Bittere Enttäuschung übers Leben stürzt aus ihm heraus. Seinen kaputten, zerlöcherten Rucksack noch geschultert, weint er sich den Kummer aus dem Herzen und saugt gleichzeitig neuen hinein. Er seufzt, stöhnt vor Schmerzen.

Es gibt keine Erleichterung, keine Chance. Betrinken, ertrinken, aus.

Es ist Dienstagabend. 19h30.

Morgen ist vielleicht Mittwoch.

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