// Wie blasse Wolken versuchen, sich einen Reim auf den Andrang auf die Fashion Week zu machen.
- Michael Schuster
- vor 6 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Die dunstigen Massen an Fettgewebe werfen sich in Garn, Tafft, Viskose und Teilbestuhlung. Hier rufen Damen, hier zetern Mannen, hier klatschen Duftnoten gegen die stromlinienförmige Farce des ganzen Dilemmas der Präsentierbarkeit.
Hier, im brökeligen Hinterhofkeller einer Fabrikloftreihe, mit blutig-siffiger Vergangenheit. Ehemaliges Schlachthaus sein Vater. Der Wedding kommt eben immer mehr.
Zu modernen Beats und hochpoliertem Sanatoriums-Chic wedeln da Mannequins durchs Bild, die ihr Lächeln, kurz vor dem Défilée, ins K-Hole geschossen zu haben scheinen. Da liegt es tumb und verschollen und kann in ca. 45 Minuten wieder aufgelesen werden.
Die Raben über uns — gehören wohl zur Show — krächzen sich den eingebrannten E. A. Poe heraus und verbreiten, nimmermehr, schaudrige Wärme.
Glanzverwehungen stauben auf, bilden einen Vorhang um uns. Die Deutungshoheit hat hier eindeutig die zugekokste Designerin, die ahnungslos wirkend zuschaut und sich mit Skinny Bitches und einem Vodka-Soda abgibt.
Alles blühmt einer Woche entgegen, die zerstörender nicht sein könnte. Für Leber, Nerven und dem alteingesessene Gefühl, dass ich eigentlich zu fett und immer noch viel zu arm bin, um mir endlich dieses gelbe Oberteil aus Steuerrückzahlungs-Abrissen leisten zu können. Get rich or try buying. Ich kann mich irren, aber das müsste der Titel dieser Modenschau sein. Ich beiße in meine eingelegte Limette in Hummuskondensat, verziehe das Gesicht dabei nicht — Faltenvermeidung, weil sonst ne hässliche Fratze entsteht — und benetze meine Lippen mit einem der Skinny Bitches, die hier ja überall rumstehen.
Alles eigentlich wie immer, nur dass eines der Models stolpert und mit dem Gesicht voraus in ein Blumenbeet taucht, das leider nicht mit Erde, sondern mit dornigen Legosteinen gefüllt ist — Ästhetikgründe, die an Pseudo-Kapitalismuskritik erinnern sollen; oder an Eltern mit unordentlichen Kindern.
Niemand hilft ihr wieder auf, alle denken, es muss so. Sie rappelt sich hoch, Lippen sind nun mit Blut bestrichen — Tierversuche-Kritik? Sie steht, sie läuft und verschwindet im Off. Entweder gibt das ne Gehaltserhöhung oder der Gurkensalat zum Abend hin wird gestrichen — je nach Presse-Echo der Performance.
Ich schiebe mich jetzt dann aber mal zu den Goodie-Bags. Da stehen noch andere, die Klamotten tragen, als wären sie kurz zuvor von einem wilden Grizzly verstümmelt worden. Der 2025er Mauled-By-Grizzly-Chic. Das trägt Berlin aber natürlich All-Year-Round so. Ich rupf einen der Bags auf und hol mir nen kleinen Flakon heraus. Verkaufspreis pro Flasche: 270€. Sheesh. Ich knibbel noch 5 weitere auf und winde mich unaufdringlich zum Ausgang. Hinter mir wummert immer noch etwas Modern-Knirschiges durch die Gänge. Der 270€-Duft hat die Luft hier drin inzwischen einmal komplett abgeleckt und tropft als perlendes Kondensat auf die Köpfe und Münder der “Looks don't really matter but actually they do”-People. So als kleiner Kate-Moss-Gruß aus der Fashion-Küche.
Der Raum wird schlagartig dunkel, il s’assombrit!, wie es wortgewandte Duolingoisten ausrufen würden.
Twinkle, Twinkle Little Star beginnt sich als Techno-Edit aus den Boxen zu schälen und trarat die Catwalker*innen über die Bodenpolitur. Ich überspiele das Ganze mit Charlotte de Wittes Closing-Set vom Tomorrowland 2024 in Brasilien. Das bummbummt irgendwie mehr im Neo-Cortex.
Derweil steht Jaquemus neben mir und fragt mich nach Feuer: T’as du feu?
Hab ich, krame in der Tasche, reiche es ihm rüber, aber da is er schon wieder verschwunden. Vielleicht war er auch gar nie da und König Alkohol steigt mir peu à peu ins Köpfchen.
Das Licht flammt wieder auf — la s'allume!
Hälse drehen sich suchend, Lippenstiftfarben werden nachgezogen und ganz, ganz weit hinten weint ein nicht-gegessener Gurkensalat seine Tränensack abschwellenden Tränen.
(Jaquemus klatscht zufrieden neben mir.)













Kommentare