// Übermorgen ist dann auch schon wieder Sonntag.



Die Gespräche gehen um Ähnliches, verglichen zum letzten Mal. Ähnlich, gleich, um nicht zu sagen identisch sind sie. Besser wird’s nicht mehr, vermutlich. Einlassen, zuhören, partizipieren. Heute ist, wie Madame Bachmann schon festgestellt hat, ein Wort, dass nur Selbstmörder verwenden dürfen. Für alle anderen hat es schlichtweg keine Bedeutung. Es ist nur die Bezeichnung eines beliebigen Tags, an dem sie wieder acht Stunden zur Arbeit müssen oder sich doch freinehmen. Beides ist ähnlich sinnhaft bzw. sinnbefreit. Beides sorgt für ein Kribbeln bei jemand Anderem.


Lautstärke ist bei der Familie ein wichtiges Thema. Unumgängliches Schreien, Diskutieren und sich fragen, was genau ich eigentlich schön finde am Fakt, hier zu sein. Vorfreude sei da, aber im Moment ist es mir dann nicht bewusst. Auch die Vorfreude maskiert sich dann plötzlich vor mir. Weil, sei es ehrlich gesprochen, es ist viel Energie, die ich aufwende, viel Hektik, der ich trotze, viele Anmerkungen, die ich hinnehme, viel Naserümpfen, das ich ertrage, viel Warum-Hinterfragungen, die ich erlebe und viele Reflexionen, die ich portionsweise, halbiert, einpacke und für später aufbewahre. Inadäquates Erleben macht sich breit. Warum? Bin ich zu benebelt vom kosmopolitischen Blick, dass ich mit der Familie das mache, was ich von ihnen angeblich zu erfahren spüre? Intoleranz gegenüber ihren Ansichten? Verstricktes Unbehagen, dass mir in vielen Momenten den Blick ihrer Absichten so verschleiert, dass ich mich direkt aus dem Gespräch herausziehe? Ich will, und soweit bin ich in vielen Momenten, mich auf die Situationen einlassen, ihnen die verdiente Chance einräumen. Mein enfant terrible kurz ausruhen zu lassen, um an den Impuls-Gefühlsmodi vorbei zu schauen.


Jeder wettert gegen jeden. Selbst ich, mit meiner geliebten Schwester, gegen die Familie. Sind dabei nicht besser als jene, die wir beschuldigen, sich nicht konstruktiv zu verhalten. Oder doch? Machen wir uns, obwohl wir es vermeiden wollen, zum Geleit der Antipathie dieser Festivitäten? Ich denke jedes Mal, dass es eigentlich schön ist, entspannt zugeht. Aber kann ich das wirklich sagen? Irgendwie ist es jedes Mal doch recht anstrengend. Nicht zuletzt, da ich es zur Anstrengung kommen lasse. Aufwühlend und negativ. Will sagen, dass die Themen die Stimmung tragen, da die Gespräche häufig negativer Natur sind. Hier regt man sich nun des Abbiegeverkehrs wegen auf, dort hat wer was Blödes gekocht, da nicht zugehört, die Realität in der Erinnerung verfälscht, mit Löffel anstatt mit Pinseln gestrichen, den Kaffee lauwarm serviert, es zu lieb gemeint, es zu ernst gesehen, zu viel Tumult verursacht, ein falsches Wort gedacht, eine nette Geste für eine böse Geste gehalten und einem seinen Platz freigehalten, den er zwar wollte, aber erst danach fragen wollte, bevor er frech angeboten wurde.


Es frustriert mich. Es gibt kein wirkliches Vorankommen, alles wirbelt um dieselben Themen, die niemals eine Resolution erleben werden, so scheint es. Strukturen lenken Strukturen lenken Verhalten lenken Verhalten lenken Strukturen.


Die beunruhigten Lesenden werden wissen wollen, ob es denn von Nöten sei, innerhalb der Familie vorwärts zu kommen. Meiner Meinung nach ja. Stagnum, der Teich. Schon bei Ovid angesprochen, als die Lykischen Bauern in Frösche verwandelt wurden, da sie der Göttin Latona das Trinken daraus verbaten. (Interp. d. Verf.: Das Trinken hätte Fortschritt bedeutet, denn das Wasser wäre in Bewegung gekommen). Ich würde gerne trinken, doch werde oft nicht gelassen. Alles soll am besten beim Alten bleiben, keine Veränderung. Arbeit. Ehe. Haus. Tod.


Heute ist eine Scheinwelt, die bereits jetzt schon vom Morgen ausgelöscht wird. Und wenn wir Heute nicht vom Teich trinken, vielleicht dann Morgen? Eher nicht, außer wir trinken ungefragt. Weil, wenn Heute bereits dem Tode geweiht ist und Morgen bereits vom Tag darauf zum Schafott geführt wird: Wo bleibt da noch die Zeit zum Trunk, wenn nicht jetzt? Vielleicht vergesse ich heute auch zu duschen oder laufe morgen eine Runde im Wald. Auch dann werden sie noch Böses zu- und gegeneinander sagen. Ganz sicher auch ohne mein Zutun. Ich kann und muss mich deshalb viel mehr abgrenzen und akzeptieren, dass ich Teil darin bin. Ich kann es so hinnehmen oder konkret was ändern. Ungefragt und sofort aus dem Teich trinken. Eigenverantwortlich und mit allen Konsequenzen. Morgen ist ja, kausal gesehen, sowieso alles vorbei. Existentialismus par excellence. Und übermorgen ist dann auch schon wieder Sonntag.



Bild: lostandfound.photo


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