// Söhnchen, so mache mir ein wenig Lärm.

05.01.2020

 Ach was, ach so. Ach sowas.

Weimar, das schreit nach Kultur. Nach Pappeln, Dichtung und Bauhaus. Unschuldiges kleines Städtchen, das der Genieperiode ein Zuhause bieten durfte und sogar einer ganzen Republik zur Konstitution verhalf. Mich durchfährt aufkommende Heiterkeit.

Hammerpianos, Junoräume und die Fabulous Four der deutschen Klassik. So vieles was es hier zu entbergen gibt, so vieles was der Entbergung frei zugänglich gemacht wird und noch wesentlich mehr, was sich ihr verschließt und nur zum Vorschein kommt, wenn man tief in sich blickt und den Geheimnissen zuhört, die der Geist dann aufsaugt. Keineswegs spricht man hier von Verbalität, Visualität oder Dergleichen. Die Vibrationen müssen aufgeschnappt und übersetzt oder gefühlt werden. Tradierte Geschichte und Inspirationen, die hier an Ecken lauern, wabern und sogar jeder noch so kleine Schatten das Kolorit einer Goethe-Dichtung angenommen hat. Häuser und deren stürmische Melodien scheinen aus einem Traum Schillers geflohen zu sein. Nuanciertes Wohlgefallen einer ganzen Epoche drangsalieren hier die Rationalität und schmückt alles mit einer wohldurchdachten Emotio. Fein. 

Im barocken Hause Goethes vermag jeder Raum, ja sogar jede Treppenstufe zu verzaubern. Fabuliert mit gekonnter Feder jene Reisen, die seinen Herren durch Italien führten. Exaltierte Kunstobjekte und knarzendes Gebälk, das frech seinen ganz eigenen Schelmenroman erzählt. Myriaden an Kunst und Werken und Studien. Ein Kompendium eines vollkommen ausgereizten Lebens.
Jedwede Drehung und Wendung im Städtchen erinnert an diese detailverliebten Beschreibungen eines Adalbert Stifters oder Robert Walsers, ja auch Hermann Hesses. Es vergeht kein Blick, der mich nicht verzückt, der nicht zur puren Verzückung eigens dafür erfunden, ausgearbeitet und angefertigt wurde. Quiddität schmückt jedes Hinterfragen. Blass verlaufen die mürben Gedanken, die dort lungern, und weichen den hellen Fresken, die ans Gemüt gepinselt werden. Selbst nehme ich die Pinselstriche nur vage wahr, aber stehe nunmehr mit einem vollkommen neuen inneren Gemälde da, welches nunigst verstanden werden will und muss. Die Kopfträgheit, gebannt in ein Stillleben Botticellis, mäandert geräuschlos und unbemerkt durch die Windungen.  

 

Bisweilen stolpern wir dann doch in eine Realität zurück, trinken Café (die Cafésieuse reicht uns einen Kurkuma-Latte. Und wie Goethe über die nächste Farbe am Licht seinerzeit schrieb: Diesen erwärmenden Effekt kann man am lebhaftesten bemerken, wenn man durch ein gelbes Glas, besonders in grauen Wintertagen, eine Landschaft ansieht. Das Auge wird erfreut, das Herz ausgedehnt, das Gemüt erheitert; eine unmittelbare Wärme scheint uns anzuwehen.), essen Pizza und eruieren das diffuse Bild, dass uns unlängst überlagert hat. 

Wir sind Leinwand geworden. 

Der Esprit, einer milde daliegenden Stadt, malt, umrankt uns wie der wild wuchernde Efeu und lässt kein gutes Blatt am maroden Gewächs der Narrhaftigkeit. 

 

 

 

So tut sich auch die Darbietung im Nationaltheater vor uns auf. 

“Ein Kampf zwischen Gut und Möse.. Böse”, ruft da der Schelm auf der Bühne. Es gibt einen großen Eselpenis (Priapos). Nackte Spieler und wundervolle Umnachtungen, die dem Beschauer entzückend komische Tränen bescheren. Es ist ein Sommernachtstraum (Alternativ: Mitternachtstraum), der in der geschichtsbeflissenen Räumlichkeit dahergeboten wird. Ehrgeboten. Postboten. Feilgeboten wie die Datteln auf einem Basar. Wir müssen einzigst zugreifen und uns dem lieblich duftenden, süß klebrigen Genuss hingeben und alles auf Zunge und Geist zergehen lassen. Der Basarista lächelt uns zufrieden an, erhält seinen gerechten Lohn und zieht zufrieden weiter. Die Dinare klimpern rhythmisch in seiner byzantinischen Umhängetasche und sein Esel (regulär-großer Penis) trabt ihm gehorsamst hinterher. Die Sonne brennt herab. Einschmeichelnder Duft umgibt das ganze Drumherum. Der Damaszener winkt, wir winken. Zurück.

Die Vorstellung ist vorüber und das süße Kleben haftet uns noch weiter an. Auch Wochen später soll es kaum etwas an seiner Anhaftung verlieren. An seiner generösen Art der Geschichtenerzählung. Gedanken und Inspirationen für den täglichen Gebrauch.

Einem Archivarius gleich, der alles akribisch in kleine Erinnerungsordner verschlossen hat, bewegen sich meine Finger nun und lauschen dabei den Gedanken, die jene Sätze formen und zu einem Ganzen verknüpfen. Erinnerungen nähren meine Fingerspitzen und veranlassen sie zur Gedeihung jener Satzgefüge und Worte. Ich höre mit dem fühlenden Auge. Und fühle mit der sehenden Hand. 

Kurz werden wir wieder in die Realität geniest. Ein Regenbogen umspannt uns. Nur hier. Nur uns. Welch eine Magie und unfassbare Gewalt er über uns hat. So wie alles im Städtchen Weimar. Wir müssen starren und empfinden substantielle Ehrfurcht. 

So soll sie uns umfangen, die Langeweile. Etwas, das lange in unserem Inneren verweilt. 

So wie es der alte Goethe sagte: “Bei einem Buch ist mir egal, was es [Genre, Thematik] ist. Viel wichtiger ist, dass es mich bewegt und etwas mit mir passiert.” 

Bleibt also nur noch eine Frage zu klären. Und zwar die Pferdchenfrage: “Irgendwo im Hause Goethes ist ein Pferdchen versteckt, nur wo?”

 

 

 

 

 

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