// Masterclass: Punk Ass Bitch.

03.08.2019

Disclaimer: Hier nun der Text eines Typen, der Scrubs mag, sein Fenster putzen kann, ohne Schlieren zu hinterlassen und bei Worten wie Penislappalie, Diarröhverdrossenheit, Koratte (anstatt Karotte) und Flatulenzen-Konzentrat seinen vegan-frittierten Marienkäfer leichtsinnig aus dem Mund purzeln lässt vor Lachen.

 

Originalfassung von Zynphelia Haarbüschel

Aus dem Haarischen übersetzt von Michael Schuster

 

 

“Heute ist der Punk gestorben. Oder gestern, ich weiß es nicht.”

~ Joey McMillian

 

 

Ich hasse Punk. Hasste ihn schon bevor es cool war ihn zu möge und dann wieder cool wurde ihn zu hassen. Eine vollgepiercte Fresse und das ambivalente Gefühl zwischen Eskapismus und Zugehörigkeit. Anerkennung im radikal Anderen finden und im dunstigen Siff der CBGB-Generation das Establishment meutern. Ist Brockhaus-Material, nostalgisches Lehrertagebuch-Geschwätz. Das Kolorit der elterlichen Gesinnung.

Der Rock ‘n Roll war tot. Er ist ein Relikt, eine antiquierte Farce seiner selbst geworden und mit meiner vorangegangenen Generation gealtert und zum Lutschknochen der Medien und des Konsums abgestiegen. Er bot uns keine Identifikation mehr. Der ganze Hass, Zorn, die Gewalt und der

 

Wahnsinn gingen verloren, ließen uns darben und verkamen zum rührseligen, biederen und kraftlosen Hygienetanz der alten, dem Konsum frönenden, Eltern. Wir frapönten (Neologismus, der: jemanden frappierend verpönen) die 68er, Strickpullover-Träger, Cat-Stevens-Hörer und den allgemeinen Konsens über die Haartracht des dialektischen Weltbilds. Die petite bourgeoisie hatte sich in ihrer vollendeten Form etabliert und jener musikalisch, optisch und dialektisch ins politisch angepasste Gesicht zu zwinkern, ließ die Rebellion nur noch weiter heranwachsen.

Eine räuberische Freude an der Revolte brach aus uns allen heraus. Punk war, Rock ‘n Roll war gewesen. Auch John Cale meinte dazu in einem Interview: “Rock'n'Roll war [nur] noch so 'n Amüsement, das der Regierung hilft, den Mob von der Straße fernzuhalten". Und John Cale ist sicherlich Christ, der lügt eventuell nicht.

 

Ich spekuliere. Vieles was ich von dieser miserablen Zeit miterlebt hab, kam von Magazinen, die zusammen mit mir in den Müll geworfen wurden. Die Medien waren für mich wie ein Finger im Hals, nach einer Sauftour um die Häuser jeden Montag-, Dienstag-, Mittwoch-, Donnerstag-, Freitag- und Samstagmittag. Ekelhaft, aber doch wichtiger Teil des Punkings (Sonntag war Ruhetag: Da musste das Geld für diesen Lifestyle in Fußgängerzonen zusammen geschnorrt werden.)

 

Diese Medien, die alles und sowieso die Welt nur noch schlimmer machten. Gegen uns wetterten, aber auch mit den fantastischen, neuen Punk-Hits fütterten, von denen wir doch so stark beeinflusst wurden und wir unseren unikaten Stil erst durch sie finden konnten. Keiner sah so aus wie wir, nur eben fast alle anderen Punks auf der Welt. Aber wir gehörten dazu und endlich gab es das Ventil um unserer Reluktanz Ausdruck zu verleihen.  

Kein Wunder das wir auf Widerstand stießen und der Großteil gegen uns war. Wir wussten ja selbst nicht, wer wir wirklich waren und wem wir jetzt die letzte Fluppe ins Gesicht schnippen mussten, um unserer Meinung gerecht zu werden. Erratische Gebärden gehörten zum Alltag und machten nur noch wütender. Wir wussten weder was außen und noch weniger was in uns abging. Und dann auch noch die Bullen, Polente, Staatsgewalt. Sie waren es (zusammen mit der Regierung und dem Kapitalismus), was einer geordneten Welt im Weg standen. Ohne die Ordnungshüter hätte jeder sich einfach das Haus besetzen können, das er wollte, in sein eigenes, öffentliches Masturbationsplätzchen investieren und sein Leben als wertlose Hure, darf man der Etymologie glauben, so verwalten, wie es die Eltern nie von einem wollten. Das wäre dann aber kein Punk, weil das wäre ja konformes Verhalten. Eher unerstrebenswert als Punk.

Es gäbe keine derartige Bewegung, wenn es nichts zum Dagegenstellen gegeben hätte. Die Wut und der Hass wären, zumindest in diese Richtung, gar nicht erst aufgekeimt.

 

Auch Clint Eastwood, der ein verficktes Bullenschwein spielte, bracht das Wort in den Volksmund, wenngleich mit negativer Konnotation. Cooler Typ, aber wir mussten ihn ja, seiner Gesinnung wegen, hassen. Shit.

Aber war es denn wirklich shit? War es denn nicht gut, dass man mit “Punk” etwas Negatives assoziierte? Hätte die Gesellschaft “Punk” in einen positiven Kontext gesteckt, wäre der Revolte Aspiration doch komplett verloren gegangen.

 

Wir wollten rabaukenhaft sein, den Widerstand des ganzen verseuchten Systems durchbrechen. Bedacht auf ein besseres Miteinander für alle, in dem wir egozentrischer denn je wurden. Auch die

Sex Pistols griffen die Thematik auf und berührten damit jede_n Punker_in im Kopf und an den engbehosten Genitalien durch die unzähligen Löcher:

 

I only ever leave you when you got no money

I got no emotions for anybody else

You better understand I'm in love with myself,

Myself, my beautiful self

 

Dazu ein Bier, eine angezündete Schultoilette und die dreckige Freude darüber, dass sich irgendjemand irgendwo darüber irgendwie echauffiert.

Aber unsere Therapeutin, die von Mutter bezahlt wurde, meinte damals: Positiv denken und nicht immer den negativistischen Hundeklötenlecker in mir herauslassen. Lass dich nicht vom Punk überfallen (_nopunküberfall).

 

Und dann, ganz plötzlich, wurden wir zu den Vertrauensunwürdigen, zum Rand der Gesellschaft. Aber die Bullen und Regierung waren doch die Gegner – und nicht wir! Waren es die Haaren, das Auftreten, das Ressentiment gegen Alles, das Schnorren, die Musik, die Mode, das Pöbeln, das Saufen, das Kotzen, das Sprayen, die Drogen, die hippen Schnürsenkel, das Häuser besetzen oder doch der SONY-Walkman und die Platten, die von den Eltern finanziert wurden und mir zeigten, dass Kapitalismus und Gesellschaft ranzig und scheiße sind? Ohne die ich aber kein Nevermind the Bollocks von den Sex Pistols (eine Casting-Band, für all die glitter boys and girls and LBGTQDH2Os, die immer wieder auf der Suche nach Eisbrechern auf irgendwelchen Sex-Fetisch-Partys sind und das Thema, unweigerlich, irgendwann auf die Sex Pistols kommt), The Clash von The Clash, Love Bites von The Buzzcocks oder Penis Envy von Crass hätte anhören können. Widersprüchlich waren die Anderen, nicht wir. Oder?    

 

Wir lernten drei Akkorde und hatten vier Tage später bereits 25 Songs geschrieben. Das schien nicht allzu schwierig. Eine Abwehrhaltung vertextlichen und ein A, D und E (oder mal rebellisch D und E vertauscht), im gar nicht so anti-eingestellten Dur, daruntergelegt und Lieder wie “Rotze in der Kotze”, “Links, links, ganz ganz links”, “99 Reißverschlüsse” und “Flatulenzen-Konzentrat ins Gesicht” schrieben sich von selbst und waren zur niemaligen Veröffentlichung bereit.

Inspiriert von Orgasm Addict von den Buzzcocks entstanden Textzeilen, die sich auch mit unserem tiefsten Innenleben beschäftigten und keine politischen Hasstiraden hinter sich herzogen:

 

Oh fuck,

motherfuck.

Was, wenn,

ja, wenn

der Schwanz

nach dem ersten Mal Sex abfällt?

Man muss sich,

ohhh fuck,

sich also entscheiden:

Dient die rallige Fickerei

der Fortpflanzung oder

nur der Lustbefriedigung

oder beidem?

Oh fuck,

motherfuck.

 

Sei es einerlei.

Und erst bei Zweierleiität wird es spannend und das ist jetzt nicht das Thema.

Das Teekännchen ist voll bis zum Rand, mit Göttertau-Sencha, und das Bröselgebäck liegt irgendwo auf dem Boden. Der Hund vom Nachbartisch hat das irgendwie ganz geschickt gemacht. Es ist Mittwoch, wie jeden Mittwoch, und auch heute gibt es irgendwann ein 13h00. Im Zug schreibt es sich wesentlich leichter als auf dem Handy oder dem Laptop sagt man so oder höre ich zumindest von so manchen. Ich bin ja nur ein abgeschnittenes, grünes Büschel Haare einer anarchischen Punkerin.

Hätte ich mal früher erwähnen sollen? Stand doch oben: Originalfassung von.. Wer heißt Zynphelia Haarbüschel, es sei denn man ist ein Nahrungsergänzungsmittel für fieberkranke, bayerische Kaulquappen oder ein Büschel Haare? Also Maul halten und weiterlesen!

 

 

Irgendwann wurde nämlich die anti-modische, ikonisch-verpflichtenden Irokesen-Matte hin zum weitaus fusselfreieren, lakonischen Glatzen-Look optimiert. Ich landete in der Mülltonne hinterm Friseurladen “Glatze”. (War nicht einfallsreich, aber besser als Hairport oder Haircules war es allemal) Der polierte Skalp versprach ihr anfangs wohl mehr Sex und die Genderfragen begannen um diese Zeit zunehmlich zu florieren. Ich erlebte die Zeit aus Mülltonnen, die in noch größere gekippt wurden und ich letzten Endes auf einem Berg von Müll aufwachte. Morgen für Morgen. Haar um Haar.

 

Ich erlag der Perversion meiner Umgebung und fühlte mich missverstanden und fehl am Platz. Klar, es war Müll. Nevermind the rubbish, aber er vergrub auch allmählich meine Absichten und das Streben nach der Beantwortung meiner Fragen. Was mache ich hier eigentlich? Wer richtet hier über wen? Wer lehnt sich hier gegen wen auf? Führt die Verdrossenheit wirklich zu meinem eigenen Glück oder endet man letztendlich doch auf einem Haufen Abfall mit all den anderen Rebellen – alleingelassen und unbeachtet?

Man muss sich den Haufen Abfall wohl einfach glücklich vorstellen.

 

Alles wiederholt sich. Unverständnis führt zu Anzweiflung führt zu Reluktanz führt zu neuer Meinung führt zur Revolte. Es wäre fahrlässig den Dandy Camus nicht kurz sprechen zu lassen: “Die Einen streben nach innerweltlicher, die Anderen nach außerweltlicher Erlösung. Beiden entgeht die sich jeweils aktuell bietende, relative Veränderungsmöglichkeit, deren Wahrnehmung eine fortgesetzte „Spannung“ und Aufmerksamkeit erfordert. Ein „gelobtes Land“ absoluter Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit gibt es hier nicht zu entdecken.”

 

Das mag alles so stimmen und sich so zugetragen haben. Für diesen Bericht müsst ihr aber meine Unverfrorenheit einfach hinnehmen und auch damit rechnen, dass ich euch renitent ins frisch gewaschene Frätzchen lüge, ihr Ficker. Es geht ja auch um Respektloses und Unflätiges, da muss was darf und will was kann. Deshalb ist es hier jetzt auch vorbei, aus, Ende; ein Schlusspunk.

 

___

Meine All-Time-Top8 der Punk-Phase, während meiner Haupthaar-Zeit:

 

8. The Sonics – Keep A-Knockin’

7. Ramones – Rock & Roll High School und Sheena is a Punkrocker

6. The Wipers – Is this real?

5. The Clash – Hateful und Rudi can’t fail 

4. Bad Religion – No Control (bereits auf der Müllkippe; schallte aus dem Müll-LKW)

3. Sex Pistols – New York

2. The Buzzcocks – Ever fallen in love

1. Velvet Underground – After Hours

 

 

 

Bilder: Klaus Jurgeit, Austellung 101, Galerie Taube, 1988

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