//Der Moment, in dem mein Tee kalt wurde.

10.03.2019

 

Gedankenfunken stoben an des Tages Morgen an mir herab und pulsierten freundlich wankelnd zu meinen Schuhen. Ganz sachte und beim Laufen, der rechte Fuß schon in der Luft, löste sich das Senkelwerk der tragenden Sohlen und kündigte für den nächsten Augenblick das Spektakel der Auflösung eines Zustandes an, der nun doch einige Stunden angehalten hatte. Um Neues zu schaffen muss etwas Altes den Tod finden. Nur so entsteht Wandel, Lebendigkeit, Dynamik. Lebendigkeit durch Tod, ein Kuriosum. Nichts desto trotz gab es diese Kausalität hier nun. Hier und jetzt. Nicht früher und auch nicht später, so sehr es der Schuh auch gewollt hätte. Es war nicht mal ein Augenzwinkern, in dem sich die Auflösung des Alten und Bestehenden entzweite und allem eine neue Bedeutung verlieh. Das Gebundene wurde zum Entwirrten. Neue Wege eröffneten sich sodurch. Ein Hauch der Natur, ein erstrebenswertes Ganzes, das seine mannigfaltige Raffinesse anwandte um eine alte Welt zu zerstören und eine ganz neue zu schaffen.

Ein Moment, in dem so viel Schönes gleichzeitig geschah und, in den Augen nur eines Betrachters, gänzlich unmöglich ist zu begreifen. Wie die zu sehr ignorierte Wahrnehmung des Erreichens einer perfekten Ziehzeit von Tee. Den Teebeutel im exakt richtigen Moment aus dem Wasser zu lösen, in dem Temperatur und Intensität vollkommen sind. Tänzelnder Dampf, der vorsichtig lauschend über der Tasse umherwirbelt und seiner Pirouettenkunst freien Lauf lässt. Der sein Bouquet gefühlvoll in die Nase treibt und ihr schmeichelt. Sicher ereignet sich diese Schönheit auch davor und danach, aber nicht nahezu so vollkommen wie in genau diesem Augenblick. Einen Wimpernschlag später und etwas völlig anderes wäre die Folge.

So auch ein Tor, das ins Schloss fiel und dabei die gefrorenen Perlen der Nacht von sich abschüttelte. Fast geräuschlos hüpften sie noch einmal am Boden umher, spielten ein erquickend flinkes Theaterstück, bevor sie stillschweigend liegen blieben und nur darauf warteten, dass ihre bestehende Welt bald schon wieder eingerissen wird. Jeden Moment war es soweit.

Flüchtiges Dasein und schon ist auch wieder das Gefühl in einem beliebigen Zimmer hinfort. Das Gefühl, dass gerade die exakte Raumtemperatur erreicht wurde. Nur ein Blinzeln später versteckte sich diese Wahrnehmung auch schon wieder und zog weiter. In den nächsten Raum, der irgendwann, für fast unmerkbar kurz, ideale Raumtemperatur erreicht.

So ähnlich trug es sich im selben Luftzug zu, dass die erste Silbe eines Wortes einem Mund entsprang. Unwiderruflich war sie auf den Weg geschickt und ihrem natürlichen Habitat entzogen worden. Ihr neues Leben in freier Wildbahn, und nicht mehr nur im zerebralen Geflecht, sollte jedoch von kurzer Dauer sein, da sie beinahe zeitgleich schon in die Ohren, den Sinn und das Verständnis einer anderen Person floss. Wie lange wird sie wohl dort verweilen können, bis es die Welt jener Person einreist und mit einer Reaktion darauf ein neues Paradigma in deren Sein erschafft?

An einem anderen Ort, weit weit weg davon, oder gar nur nebenan, warf ein junges Mädchen ihr aller erstes Lächeln einer, ihr gegenübersitzenden, Person zu. Herrlichkeit und Vollendung in ihrer reinsten und unbeschadeten Form. Eine Geste, die wie alles andere auch nur eine kaum wahrnehmbare Verweildauer besitzt und doch solch eine wundervolle und weltenwandelnde Auswirkung hat. Es lagen Welten zwischen dem Loslassen dieses Lächelns und der entsprechenden Entgegnung darauf. Die Befreiung jener Emotion wurde vom Gegenüber aufgenommen, absorbiert und verarbeitet. Kurz darauf wurde den Gesichtsmuskel-Partien eine adäquate Liebreizung angekündigt.

Und während all dem wurde mein Tee kalt.

 

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