// Umgerührtes Umhergewirre in Unflätigkeiten.

27.01.2019

 

Prolog:


Einige bis viele, zahlreiche und manche, diese und jene und, herrje, partiell ausgewählte Namen sind bereits im verblühten Spätherbst verloren gegangen. Er hat sie verschlungen - gierig war er allemal - verdaut und damit war das Thema auch gegessen.
Diverse, etliche, einzelne und sogar eine Anzahl Namen blieb und grub sich in die Erinnerungen hinein, zoffte sich, aber parierte dann meistens doch auf Zuruf.

Es waren Treffen, Dates, ONS oder Hookups, wie es die verwitterten Noch-ICQ-NutzerInnen sprachlich mögen und sich im Spinchat oder Knuddels mit “hdl” oder “rofl”eien spirulante Kartoffelknödel auftischen. Es gab Treffen (ab nun will ich es, heurekaeins, Sexeleien nennen), die sich so ausgingen, dass ich nach deren Ausgang neue Sexeleien eher nicht mehr einging. Man traf, sah und dann musste man sehen. Wie viel Konversation muss es denn davor sein, wie wenig Verse sind gerade das richtige Maß. Ab wann reißt man sich vom unschuldigen Verhalten los und die, meist spärlich gewählten, Klamotten herunter. Duselig und wuselig wanden sich oft immer dieselben Plattitüden, Erzählungen und biografisch ausgereiften Anekdoten aus mir heraus. Manches abgeändert, aber die Pointe, höchst akribisch geschliffen, zog wo sie ziehen sollte und gab dem Lumpazius in mir oft noch nachträglich Stärkung und der Außenwirkung ein gesundes, schelmisches Glühen - so denke ich, wage zumindest zu denken oder meine gedacht zu haben. Die Szenerien variierten und brachten mannigfaltige Orte, Plätze, Winkel, Stätten und Flecken hervor. Das Design-Hotel in Schöneberg, Parks irgendwo im süßlichen Sommer Berlins, Seen und Ufer, Häuser und Wohnungen, Autos und Tanzflächen, Schiffe und Hauseingänge, Straßen und Getränkeschenken. Phallutiöse Gebärden und rabaukenähnliche Manieren, die mir zuteilwurden. Anfänglich zerfiel ich noch in einer behaglichen Aufregung, ginge es näher der Sexelei entgegen. Vorfreude, Gier, Lust, Wallung. Ich konnte mich freuen, darauf einlassen und mir das Szenario ausmalen. Je weiter die Stunden wanderten und je öfter ich dem Frühling teilgeworden war, reduzierten sich die Aufmerksamkeit und die Vorfreude darauf. Eine Art müde Gleichgültigkeit stellte sich bei einigen dieser Miteinanders ein und herrscht auch heute noch, kurz vor selbigen, vor. Einmal aber hineingestolpert, vergeht jene Stimmung meist rasch und lässt den zuvor anwesenden Gram ruhen. Dieser wird dann seinerseits, und auch erst dann, mit feinem Lustkolorit und dem latenten Drang zur Eroberung betucht. Worte weise auserlesen und die Neigung zur Empathie vollkommen entfesselt.
Aber Vorsicht: Zu nah, ist bereits einen Schritt entfernt vom Spaß.

 

 

Additive Informationen für ein Quäntchen Theatralik, bevor sich der Hauptteil räuspert:

 

Nicht überall und nirgendwo war die Sexelei auch eine Sexelei. Vieles wurde zunächst mit einem Zeitfenster vermessen um sich zu beschnuppern, vorzufühlen, wo denn und was denn und wie denn. Stimmte alles, war ein abendliches Miteinander, mit etwas weiterem Zeitfenster, für Beide die Conclusio. Aber auch da regnete es dann oft leere Hülsen aus gestikulativem Heisahoppsassa und verbalem Wohlklang. Zu lange dauerte manchmal die Hinführung zur Sexelei, Wortgefechte fochten mit erigiertem Degen und eigentlich, ja eigentlich traute sich nur keiner endlich dem Anderen das Maul zu verbieten und im ersehnten und glorifizierten Knutschtaumel zu versinken. Nach drei, vier Bieren ereignete sich das Alles dann immer rascher, quel miracle, und beiden fiel das Ganze auch ganz einfach. Wunderten sich beide doch, warum es denn nun so lange gedauert hat.
Es gab diverse Präferenzen, das mag sein. Doch wie genau diese aussahen, ich könnte es nicht wahrheitsgetreu wiedergeben. Anfangs war es sehr selektiv. Abwägungen wurden getroffen, passt diese oder jene, welche Beschreibung klingt freudig, fahl, fadenscheinig? Ich ließ eine Sorgfalt walten, die es im späteren Verlauf nicht mehr in diesem Maße gab und ich dafür leidlich bestraft wurde. Unachtsamkeiten und Verschätzungen führten zu solchen Verabredungen, die der Tracht Prügel eines seelenlosen Landstreichers gleichkamen. Ungehorsamst habe ich mich eingelassen, in eine dumpfe Brühe aus Langeweile, rüden Dialogen und charakterlichen Abweichungen, wie ich sie hätte direkt nach der ersten Minuten auflösen müssen. Doch, hatten wir ein ähnliches Thema bereits oben, wieviel Dialog ist genug? Welche Art der Höflichkeit empfiehlt sich hier? Sei es einerlei, da aus mir gerade die pure Feigheit spricht und an den Pranger gestellt werden muss. Zwei mutige Sätze, eine weniger heisahoppsassaende Geste und die Erkenntnis, dass vielleicht sogar die Dame eine furchtbare Zeit verlebt und mich für diese heroische Tat (den Abbruch des Dates) sogar mit Begehren verabschiedet. Dieser Fall trat ein Mal ein und es war ein so oder ähnlicher Abschied, nur das es danach nie wieder eine Kontaktaufnahme - beiderseits - gab. Weder tragisch noch schade. Zeitersparnis für beide Seiten und ein bisschen mehr freie Zeit für mich.
Glücklich bin ich jedoch, dass sich da heraus gelegentlich eine tief führende Verbindung ergab, es zu Stimmigkeitsgefühlen kam und kein Ehemann, Freund, Freundin, etc. dazwischen wuscheln konnte. Es blieb beim gebührenden Abstand, ja, aber die umschifften Oberflächen der Person geleiteten mich in einen hell erleuchteten und tief gründenden Charakter, den ich nicht mehr missen möchte. Euch danke ich, für das blühende Glück, dass ihr mir beschert und auch würdige ich eure hinterlistigen, fintenreichen Manöver, um mich elegant an eurer Oberfläche vorbei segeln zu lassen. Je tire mon chapeau, ihr Teufelinnen.  

 

 

Hauptteil:

 

Vieles fällt auf die Vielfältigkeit und Multioptionalität der zu Begehrenden. Ist es heute nicht sie, ist es morgen dann die. Und wenn morgen nicht die, dann übermorgen sie. Sicher auch schon von Kleist so oder wohl eher nicht so formuliert. Die Optik trägt zur Auswahl bei, und dabei ist es meist (immer) egal, ob es die da, die da, die da oder die da ist.
Beim leiblichen Zusammenkommen entgeht dem ersten Blick dann auch nicht, dass eigentlich vieles ähnlich ist, wie ich es bereits erlebt hatte. Ähnlich wie im Stadtkern einer größeren, europäischen Stadt. Kleine Überraschungen, wenige Neuerungen, Nuancen hie und da (die aber in der Kürze keinesfalls in ihrer Gänze ausgemacht werden können) und immer die gleiche Geschichte. Aber eben nur, weil die Bekanntschaft meist an der Oberfläche herum wabert. Differenzierter kann es nur werden, wenn das Geschöpf des Begehrens Stimmigkeitsgefühle hervorruft und auch einem weiteren Miteinander nichts im Wege steht (Ehemann, Freund, Freundin, etc.). (Das chauvinistische Gebaren der Niederschrift ist mir wohl bewusst, aber komme ich jetzt leider nicht dazu die Unwahrheit zu schreiben, sondern in Gänze das, was sich in mir herumtreibt. Der Spitzbube, der Figaro aus Sevilla, der meinem inneren Lausbuben hilft, eine Dame eines Herren zu bezirzen.) Ich weiß um die Logik hinter all dem, dennoch entscheide und entschied ich mich zunächst für das Superfizielle. Genau jenes brachte mich des Öfteren dazu, mich im Strom der digitalen Suche zu verlieren, treiben zu lassen und, teilweise, trotz Unlust weitermachte. Vieles spielt sich, angetrieben durch eine stoische Langeweile, mit pathosfreiem Wischen ab. Wie ein Roboter, der dem Nachdenken entfernter ist, als der Dieb seinem Beraubten. Wahllos, unmotiviert und unnötig für den Objektiven, den Beobachter. Innerlich aber von Nöten, da das flirrende Gemüt dem Sexus nicht abspenstig gemacht werden kann. Ein immenses Pensum an Zeit, welches in den tiefen Schatten der Sexelei-Lust unentscheidend schien. Könnte ich die Befreiung doch nur schon erschnuppern, es wäre mir gülden. Bis zum erlösenden Moment lasse ich, nun denn, die Fanfaren erklingen und töne inmitten ihrer mit freudigem ralentissement: “Auf immer Wiedersehen, du mit Lustkolorit benetzte Unlust.”  

 

Die andauernden Lustflirreleien im Kopf rauben der Sache die Emotionen und machen sie emotional recht sachlich. Ein Aufbegehren, ein umgarnendes Lied und die darauf eingehende Resonanz. “Hallo, grüß Gott, achja?, weshalb?, na dann, wollen wir?, pfiat di, mach’s gut.” Lückenhafte Dramaturgie, so wie in Wahrheit auch viele solcher Abende vorzufinden und nachzubereiten sind. Teils charakterlich, teils des Interesses wegen, teils auch, weil schon wieder der Name vergessen wurde. Hier liest sich hoffentlich keine Lobeshymne heraus, sondern der Versuch einer Aufschlüsselung, einer verständlichen Niederschrift der vergangenen Sexeleien und Miteinanders. Wie ich jenen gegenüberstehe und welche Empfindungen in mir quellen.


Die Distanz zu diesem Lückenhaften, Uninteressierten oder Namensuchenden finde ich gelegentlich im In-mich-gekehrt-sein auf. Es lässt das Nahe nicht heran und frönt dem Weiten deshalb mehr. Das Weite, das nicht bedrohlich werden kann, dass nicht tadelt, unterstellt, vorwirft oder Mühe macht. Jenes, welches behutsam abgestreift werden kann, sollte es mich doch am Haaresschopf packen und um zu viel Aufmerksamkeit buhlen. Dieses, welches keine Anstrengung und Verbindlichkeiten voraussetzt, Rechtfertigungen entbehrlich macht und keineswegs im Schweigen mündet, was dem Zerriss meiner Seele gleichkäme. All die Anforderungen, die das Weite an mich hat, sind zu weit weg, um in mir ein peinigendes Zerwürfnis zu evozieren. Nein, so etwas sieht dem Weiten ganz und gar nicht ähnlich. Das sind die Präliminarien der Nähe – oder etwa nicht? Sie kämen mir und meiner Introspektion zu sehr in die Quere, ließen mich der rastlosen Abhängigkeit erliegen und im Topf der Unbarmherzigkeit köcheln. Nur sie bleckt dabei die Zähne und giert mit ihrer zehrenden Fratze zu mir, lässt mich frösteln und bangen. Nein, kein Bangen soll es heute sein. Also fort mit der Nähe und herbei, du wohltuende und Balsam versprechende Weite. Schutz meiner In-mich-Gekehrtheit. Trägst Glanz im Herzen und füllst dadurch auch das Meinige mit Freude.

Süße Wohltat; aber was geschieht nun mit der Nähe? Sie irrt ja weiter herum, umher und poltert gelegentlich an die schützende Weite, versucht sie zu verdrängen. Aber derzeit ist daran nicht zu rütteln. Sie verweilt standhaft und fährt, in Drohgebärde ausharrend, ihr abwehrendes Gerüst aus Sachlichkeiten aus. Bravo, du sachliche Nützlichkeit!  

 

 

Epilog:

 

Und dennoch. Vieles ist, vieles war und vieles wird sein. Einen lustloseren Satz werdet ihr hier heute nicht mehr von mir lesen, aber der Wahrheitsgehalt dieses Satzes drang mich dazu, ihn zu formulieren und in Schwarz/Weiß zu bannen.
 

Vieles war, in der Tat. Die polyamourösen Lustverzweigungen standen zuweilen an Stelle Numéro Uno. Miteinander folgte Sexelei folgte Miteinander folgte Montag Ruhetag. Zunächst interessierte der Mensch hinter der Fassade kaum, nicht oder ganz selten. Die libidinöse Vielfalt hatte sich an meine Seite geheftet und durchstreifte so mit mir das digitale Berlin. Nächte wurden durchgesoffen und hie und da blieben sogar Pizzareste im Karton zurück. Namen verschwammen und entschwanden. Ein Bier hier, ein Bier da. Wieso hat denn die Woche auf einmal so viele Tage?! Die Sexeleien erschufen etwas Neues, etwas bisher nicht Erwartetes. Freiheit legte sich in mir nieder.
 

Vieles ist, in der Tat. Dieses Neue will weiterhin im Flüstern der Sexeleien gehört werden, wertiger Dialogpartner sein und hinlauschen wo es etwas zu lauschen gibt.

Während des Rieselns des Sandes durfte ich glücklicherweise doch hinter diese und jene Fassade blicken und wurde freilich überrascht. Viel Liebliches durfte ich enttarnen, viel Freude erleben und viel Willkür beiwohnen.

 

Vieles wird sein; mag sein.

 

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P.S. Bisweilen konnte ich das Wort Lustsaturiertheit im Text nicht unterbringen. Hier habt ihr es nun.  

 

 

 

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