// Das miesmütterliche Berlin.


“Die Welt ist im Wandel. [...] Ich spüre es im ÖPNV.”

- Galadriel Bootleg 2k18

Weg. Furchtbarer Lärm. Unwegsame Unruhe.

Es transportiert so viel Wut, Ärger, Zerwürfnis. Gramerie, die Menschen zerfrisst und ihnen die Seelenfacetten entgleiten lassen. Der ständige, kakophone Pegel, der die herumliegenden Gemüter aufspießt, sie zu Kastanienmännchen zusammensteckt und ihnen grässliche Vorstellungen aus abstrakter Grotesk der Gesellschaft aufoktroyiert. Steckfiguren, die figurativ für das stehen, was vom nun nahenden Winter gebrochen werden kann. Der Sommer, so sorgsam er auch versucht hat sie aufzubauen, die Hitzigkeit zu drosseln und der inneren Sonnenwiese Platz zu verschaffen. All das war scheinbar vergebene Liebkosung. Unachtsam zertretene Pflänzchen und Ranken gieren noch nach Oben, doch pflügt sie der aufkommende, raue Wind unbeachtet nieder. Reißt sie aus und sorgt wieder für einen brach daliegenden Acker. Sicher wird er im Frühling wieder aufs Neue besamt - vielleicht. Aber bis es soweit ist, werden die Falten erstmal etwas tiefer ins Gesicht gezogen und der Tonfall erhält ein dostojewskisches Timbre. Rau, melancholisch, reserviert.

Machen wir es uns also doch erneut in unserer Ungemütlichkeit gemütlich, brechen Argumente vom marodierenden Ast, die im Sommer noch leichtfüßiger umtanzt worden wären. Frönen uns dem Wintermärchen und ziehen uns stetig und leise in unser Versteck zurück. Bravi.

Man muss sich hier von einer ausgemergelten Frotzelattitüde das vorsichtig gewählte Wort verbieten lassen und verbringt zeitlose Stunden mit dem Buhlen um ein wenig Freude und einem spitzbübischen Lächeln, herrje. Verblüfft euch selbst, ihr lieblichen Kinder dieses mit spärlicher Wonnität bekleideten Winters, und erhebt euch aus eurem mürben Knitterkleid. Wagt es zu freuen. [Vitā frui aude.]

Neben mir, ganz zeitgenössisch, hält derweil ein junges Mädel, Mitte/Ende 20, zwei Smartphones gleichzeitig in den Händen. Auf dem Einen tobt ein verheerender Kampf zwischen einem Sandamer und einem Bisaknosp. Auf dem Anderen ein Spiel, das ebenfalls bedeutungslos bleiben wird. Handverlesene Unmündigkeit und zeitabhängige Urmüdigkeit. Sandamer verliert und indes klingelt das dritte Handy. Es ist eine Momentaufnahme, klar. Aber irgendwie auch nicht.

Der Familienbereich im Zug. Leute tummeln sich. Eine Mutter mit zwei Kindern und ca. 900 kg Gepäck. Gestresst kämpft sie sich durch den Gang und schlägt beim Ansprechen der anderen Gäste einen zart rosanen, ruppigen Ton an, der ihr zwar einen weiteren Platz beschert, jedoch keinen Waldfrucht-Fleißstempel im Pranayama-Poesiealbum. Vor allem nachdem der Platz mit Gepäck beladen wird. Sie ist gestresst und irgendwie tut sie mir in ihrer Lage etwas leid. Es ist eine Momentaufnahme, klar.

Aber irgendwie auch nicht.

Durchlassverhindernde Straßenbiegungen und Baustellen, die einem den kompletten Frust der Feierabendverkehrsteilnehmer ins, vom Tagesgeschehen freigerubbelte, Konterfei schmettern. Brachiales Aufbäumen der martialischen Blechtrommeln, deren krasse Wolkenschwadenwucht alles Gras mit einer Maske überzieht. Drei Busse der gleichen Linie kommen gleichzeitig an. Der Erste bricht die Menschen-Suppe ächzend heraus. Lautes Piepsen, raunige Hydraulik und der Typ, der nicht vom Einstiegsbereich runtergeht und der Busfahrer eine seiner boshaften, subversiven und bereits zur Nierenkolik ausgekoteten Floskeln über die rauschenden Lautsprecher: “Wenn xy nicht so dumm wäre, dann..”, “Einmal mit Leuten fahren, die..”, “WEG VON DER TÜRE, MENSCH EY!”.

Der Pulk um die Türe gluckst, keiner will es gewesen sein, und drängt sich näher aneinander. Jeder hasst jeden der schwitzigen, ekelzerfressenen Körper die sich an einen drücken. Blick aufs Handy und schnell die Einstiegsbereich-Ignoranten ignorieren. Ich will, ich muss da jetzt auch rein. Hinten, weil der Bus natürlich nicht bei mir hält, sondern 50 Meter weiter vorn. Es ertönt ein blechernes Summen an der Hintertür und sie rattert stotternd auf. Ein älterer Herr im jägergrünen, städtisch-trachtenreichen Strickjanker steigt aus und läuft direkt auf mich zu, unsere Blicke ineinander verfangen. Energisch und mit störrischer Sicherheit tritt er in mich rein, rammt mich zur Seite weg und spricht griesgrämig “Vorne steigt man ein!”.

Mein erster Gedanke durchflutet mich, mit Wahnsinn bleckend: “Du verfickter, dummer Hurensohn, ich töte heute noch deine ganze verschissene Sippe, du Ejakulatsfaden des Todes!”. Fange mich aber blitzschnell und entgegne ihm stoisch: “Junger Mann, alles gut?”.

Es ist eine Momentaufnahme, klar.

Aber irgendwie auch nicht.

Fakt is. Fucked is.

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