// Im Schlawiner-Wald.

10.12.2018

Die Idee:

Ich schnitt vier gleichgroße Stücke Pappe zurecht und fing an zu schreiben.

Das Textlein befand sich am Ende also auf vier verschiedenen Teilen, welche ich anschließend an Fremde in Berlin verteilte.

Keiner kennt also die ganze Geschichte, sondern nur sein Fragment – bis jetzt..

___ 

 

Alltag. 9h37.

 

„Beeren pflücken und danach mit ungeputzten Schuhen durchs Haus rennen!“, meinte Joey querulent zu seinem Lehrer.
„Grandios!“, lächelte der zurück. „Aber ich wollte wissen, wann denn die Französische Revolution war.“
Joey war aber bereits wieder in sein Vesper-Döschen gehüpft und baute sich einen Verschlag, der alle fiesen Schwindelkinder von ihm fern halten sollte. Wo er in Ruhe Buntstifte mit neuen Farben anmalen konnte und sich die Teelichter scherzhaft gegenseitig auspusteten. Das griesgrämige Kaffeelichtlein saß, Grießbrei essend, daneben. Buschiges Schmatzen erfüllte den Raum, während das Vesper-Döschen unsicher, jedoch hell schimmernde, zu quaken begann. Der Lehrer hatte nämlich erneut eine Frage gestellt. Klappernd schloss sich aber die Öffnung und endlich war Joey mit seiner wunderwolligen Welt alleine. Die Buntstifte kicherten auffällig sanft und ein vorbeiziehender Einfall zog höflich seinen Hut, nickte allen zu und wendete sich wieder seiner Begleitung, einem frohsinnigen Geistesblitz, zu. Die Teelichter schauten sich fragend an und diskutierten, ob es denn nicht „wandte“ anstatt „wendete“ hieß. Derweil schlich sich das Assam-Teelicht von hinten an und pustete das, Monokel tragende, Earl-Grey-Teelicht rotzfrech aus. Dieses milchschäumte vor Wut und biss zur Beruhigung auf einem duftigen Bergamotter herum. Unweit dieses Spektakels krächzte der putzige Uhu, Klebian aus dem Schlawiner-Wald, sein morgentaufrisches „Hopps, I did it again“. Flink schüttelte er dabei sein marines Federkleid (laut VOGUEL der New Big Shiit auf der Frecher-Spatz-Skala) und flatterte elegant davon.
Joey musste nun zwischen Assam- und Earl-Grey-Teelicht schlichten und schob beide zur Entspannung in ein Vitalkräuter-Stövchen.

 

 

Er überließ die Beiden letztendlich sich selber und trabte, mit kuriosem Schritt, auf das Wäldchen zu. Sein Heuschopf wankte freudig hin und wieder hin und her. Den Schlawiner-Wald hatte Joey in einem ganz ganz jungen Jährchen erschaffen und die fabeltollsten Kreaturen, Ideen und Farben darin versteckt. Sie gehörten ausschließlich ihm, da er ohnehin der Einzige war, der sie Alle verstehen konnte.  

Das Geschichten erzählende Lätzchen, den herbivoren Karnivoren, das miesepetrige Mauscheln, die widerspenstige Gedichtinterpretation Doritha, das faltige Blättchen der Möhrenbürger oder den Wasserspeier hinterm linken Ohr.

Alles liebte er unbändig.

Hier wusste er, wer er war.

Hier weiß er, wer er ist.

Hier wird er wissen, wer er sein wird.
Zank und Unmut blieben natürlich nicht aus, aber auf die Liebe und das Vertrauen aller hier drin konnte er sich immer verlassen.

Die Pausenglocke ließ das Vesper-Döschen aufspringen. Aber bis zum nächsten Abenteuer sollte es nicht allzu lange hin sein.
Das Döschen vibrierte nämlich schon wieder leise.  

 

 

 

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