// Die Dame unterm Baum.

05.11.2018

 

Inzwischen war es 17h00. Noch mindestens eine Stunde, bis wir an der Herberge angelangt sein sollten.
Am Wegesrand bemerken wir diese Dame. Sie sitzt, ist müde vom vielen Gehen. Ihr Stock ruht, nebst ihr, auf dem hölzerne Bänklein. Sie atmet die milde Brise ein und blickt zu uns herüber. Wir bewegen uns freudeatmend auf sie zu. Blätter überdachen sie mit verhangenen Sonnenstrahlen und sich darin verflochtener Melancholie. Sie wünscht uns einen buen camino und steckt auch schon mitten in ihren Ausführungen, ihr Leben betreffend. Erzählungen sprudeln aus ihr heraus und erfüllen die Luft mit spanischer postura de vida, dicken sie ein und wirbeln sachte alles umher, bis sich die Masse den Ohren nähert und sie mit gewaltiger Macht überfluten.

 

Es ist nun drei Monate her, seit ich mich bei dir gemeldet hab. Unfassbar. Ich schäme mich. Schäme mich, dass ich dich nicht habe teilhaben lassen können. Die Arbeit ging in Arbeit über, was in viel Arbeit resultierte. Stunden über Stunden, Überstunden über Stunden. Unbezahlt. Musste irgendwie abschalten und mich den Zerfragungen unterwerfen. Der Strudel hat mich letztendlich allabendlich verschlungen, mich zu Bette kriechen lassen und mich in einer Vorwurfslithografie in den Schlaf gedrückt.


Disconnect from the world and connect with me.


Anfang Juni wirkte noch alles beschaulich. Arbeiter kamen und entlastete mich bei diesem und jenem. Wir konnten knappe Verbindungen zueinander aufbauen, deren Signalstärke aber über ein krisseliges Konversationsgerüst nicht herauskam und nach einigen Wochen auch wieder disconnected war. Abends besuchten wir manchmal eine Bar. Tranken, redeten, schäkerten. Redselig schunkelten wir dann auch wieder nach Hause. Im Regen.
Hier regnet es eigentlich durchgehend. Und wenn davon mal Pause ist, herrscht der Nebel mit so fester Hand, dass uns die Sicht weiterhin verwehrt bleibt und der Nebeldurft sein Regiment aus Nieselfäden, Klammheimlichkeiten und Vaporationen auf die ganze Stadt losschickte.

Wie mein Boss seine Mitarbeiter auswählt vermag ich leider nicht zu sagen. Müssen sie Qualifikationen mitbringen, ein eigenes Handtuch oder reicht ausschließlich einen Namen zu haben? Ich weiß es nicht, füttere dieses Unwissen täglich mit Mutmaßungen und wohnen dem Brimborium der Willkür weiterhin bei.

Ich glaube ich hatte dir, vor drei Monaten, erzählt, dass ich gefallen bin und meine Rippen gebrochen hatte. Ich hab mich davon recht flink erholt und konnte auch schnell wieder zur Arbeit – zu jener Zeit war der Umschlag in der Herberge behemothisch.
Kurz darauf starb mein Onkel, was unbeschreiblich hart für mich war. Ich musste hier weiterarbeiten und durfte nicht zur Beerdigung gehen, weil es hier zu viel Arbeit gab. Ich blieb, trauerte leise und vergrub die Tränen im Abgrund meiner Bedürfnisse. Mit genügend Umständen, die ich darauf stapeln konnte, blieben sie verborgen,
for no one to see.
 

 


Nun, sechs Wochen danach starb mein anderer Onkel. Dieses Mal durfte ich zur Beerdigung gehen und flog zu meiner Familie. Ich bat meinen Boss, ob es für ihn okay sei, mir drei Tage Urlaub danach zu nehmen. Urlaub für Trauerfälle ist nicht sehr gerne gesehen, dennoch bewilligte er mir die Zeit und ich verbrachte die Tage nach der Trauerfeier mit meinen Freunden. Wir reisten etwas herum und so schnell der Spaß begann, so schnell endete er auch wieder.

Die Arbeit fiel im August über mich herein und ließ die Tränen weiterhin im dunklen Loch stagnieren. Ich arbeitete fast jeden Tag bis 0h00, 1h00 oder sogar 2h00 und stand um 9h00 wieder an meinem Arbeitsplatz. Abends konnte ich manchmal mit Kollegen raus und machte sogar ein paar Freunde in Bars.

Der September kam und brachte keine merkenswerten Änderungen mit sich. Arbeit herrschte vor Allem. 15-, 16- oder 17-Stunden-Tage. Erschöpfung durfte es nicht geben. Ich hatte nicht einmal Zeit über Erschöpfung nachzudenken, was hilfreich war und ich mich deshalb erst in meinem Zimmer der Zerschlagenheit hingeben musste.

Irgendwann begannen dann die Probleme bei der Arbeit. Die Menschen hier sind sehr kompliziert, alles wird zunächst zu einer unlösbaren Aufgabe hochbeschworen. So trug es sich zu, dass die Dame, die für das Essen verantwortlich war, mich zum unlösbaren Problem erklärte. Wenn ich etwas zu Essen haben wollte war es stets eine sichtbare Schererei für sie. Genervt schaute sie mich an und klatschte mir augenrollend ein liebloses Allerlei auf den Teller.

Inzwischen ist es zwei Wochen her, seitdem ich mich dazu entschieden habe nicht mehr dort zu essen. Und natürlich brachte das neuen Ärger mit sich, denn mein Boss sah es nicht gerne, wenn man außerhalb aß. Und wieder wurde ich zum unlösbaren Problem.
Das Grau am täglichen, unveränderten Himmel brannte sich in mich hinein und trübte auch meine Farben. Der Regen wusch über die Dächer und die Straßen, leider vermochte er es nicht auch mir den Dunst und den Ärger herunter zu waschen, der mich nun seit längerem quält.

Erst vor ein paar Tagen habe ich jetzt auch noch E-Mails entdeckt. E-Mails von Leuten, die sich um meine Position bewarben. Natürlich sprach ich ihn, meinen Boss, daraufhin an und sagte, dass es seine Entscheidung sei mich zu feuern, ich diese Umstände jedoch bitte persönlich und rechtzeitig von ihm mitgeteilt bekommen möchte. Ich muss dann ja schließlich andere Arrangements für mich finden und mein Leben weiterhin leben können.  Er meinte, dass er mich keineswegs feuern will, jedoch einfach eine Alternative haben will, falls ich von mir aus kündigen sollte.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass er mich genau dazu bringen will – zu kündigen. Ich weiß nicht was passieren wird. Es ist so lange her, seit ich einen Tag frei hatte. Jeden Tag Arbeit. Sieben Tage die Woche. Ich muss einfach raus. Raus und abschalten. Mich wieder stärken und mit neuer Energie zurückkehren. Ich weiß nicht was passieren wird. Ich hab meinen Boss letzte Woche gefragt, ob ich nächste Woche ein paar Tage frei bekommen könnte. Ich warte immer noch auf seine Antwort. Ich weiß es nicht.

Erzähl mir jetzt doch ein wenig von dir. Wie war dein Sommer?

 

 

Wir laufen weiter und die Dame hat sichtlich Probleme sich von uns zu lösen.
Ihre Geschichten könnten Seiten, Bücher, Wochen und Monate füllen.
Merklich vereinnahmte uns ihre Tristesse und berührte uns gänzlich. Trug uns ins Tal der Nachtigallen und ließ uns, verführt vom beeriphären Duft der naheliegenden Hagebutten-Sträucher und des Lavendelsalbeis, den letzten Sonnenapplaus des Tages in Empfang nehmen; davor verneigen und bedanken.
Die Dame unterm Baum verweilt derweil weiter auf der Bank. Ihr Stock als treuer Freund neben ihr.

 

 

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