// Das Maliziöse am Tagestaumel.



Matter Wind spülte ihm totes Laub ums Gesicht. Die Drosseln spotteten weit über seinem Kopf, als wären sie die Schöpfer dieser Niedertracht. Ungebührliches Pack, dachte er und stolperte um sich wedelnd weiter. Ein weißer Lichtzug traf auf die Straße und erschimmerte den Streifen in hoffnungsbringendem Rosé. Selbst die Vögel hielten, dieser Schönheit wegen, kurz inne, bevor sie spitz und trällernd weiterzwitscherten. Langsam häufte sich der Rollsplitt auf den Straßen. Es sind täglich 5-8 Grad. Wo besteht da denn die Gefahr, dass die Straßen zu gefrorenen Eiswüsten werden? Alles Arbeiten, die man für sinnvolleres nutzen könnte. Pah, exhalierte er kräftig. Der Donnerstag hatte ihm aber auch wieder ein Schnippchen geschlagen. Erst der Arzttermin (keine Schatten, einwandfreie Werte, etwas erhöhtes Cholesterin) und dann noch die Aussprache mit Lena. Scheiße, das hat es wiedergebracht. Zwei Stunden Gespräch, in denen er 19 aufgerauchte Kippen nacheinander in den Aschenbecher versenkte. Zwei Mal musste er ihn leeren. Vier Tassen Café, eine Box Celebrations. Das geht so nicht weiter. Bald is es nich nur das Cholesterin, sondern auch die Lunge fängt an, mir schwarze Klumpen entgegenzukotzen. Hör mir auf.

Aber Lena. Die is es doch echt nich wert. Hätte ich schon längst bemerken und nen Strich drunter machen müssen. Naja, is jetzt ja auch egal. Die bumst nen Anderen und ich hol mir direkt mal zwei Flaschen Helles. Vielleicht noch n kleiner Dujardin, für später. Feierabend für heute. Irgendeine Mirjam wird sich für heute Abend sicher auch noch finden lassen.

Was glotzt denn der blonde Typ so dämlich in die Gegend rein? Scheiß Jugend, mit ihrem Elan.


Der blonde Typ senkte langsam wieder seinen Kopf, zog noch einmal die, vom Regen geheilte, milde Frische auf und tippte eifrig an seinem Text weiter.

Schon unlängst fragte er sich, was wohl die blonde Dame, die ihm den Tag über sehr angenehme Gedanken beschert hatte, heute erlebt hat.

Er fabulierte hin und her und kam zum Entschluss, dass sie ähnlich mit dem trüben Winterwetter zu kämpfen hatte; nur war es gar kein Winter mehr. Mehr eine trübe Phase zwischen goldenem Herbst und erblühendem Frühling. Eine Phase im Jahr, die diese große Stadt nur noch grauer und trostloser erscheinen lässt.

Von einem sanften Schnurren geweckt, stellte sie fest, dass ihre Glieder noch viel zu müde waren. Ihr Kopf ganz leer. Ein Tag wie wahrscheinlich jeder andere stand ihr bevor.

Ein Tag voll Stress: das muss erledigt werden! Warum ist das noch nicht fertig?.. Ein Tag wie jeder andere..

Was macht einen glücklich im Leben und wie kommt sie dahin? Eine Frage, die sie täglich begleitet. Doch nur sie kann es ändern, das weiß sie. Viele Gedanken, doch der Kopf ist leer.

Ein weiterer harter Tag ist geschafft. Konnte sie heute überhaupt etwas Tageslicht sehen? War es heute überhaupt so trüb? Schien die Sonne? Fragen, die sie selbst nicht beantworten kann.

Sie fühlt sich heute besonders leer, Worte verdrehen sich in ihrem Kopf.. hatte sie diesen Text nicht schon drei Mal versucht einzutippen? Sie ist so beeindruckt von den kunstvollen Sätzen, die ihr ihr Schreiber geschrieben hat..

Der Regen legte sich wie zartes Wachs auf den blanken Asphalt. Rauschen, mehr war nicht zu vernehmen.

Ich binde mir meine Schuhe zu, braune Lederboots, grausame Farbe. Weiß auch nicht, was ich mir dabei gedacht hatte.

Das reinste Kuddelmuddel aus erbrochenem Gulasch und werdendem Stuhlgang.

Mit den Händen auf die Knie gestützt stehe ich auf, seufze leise und gehe zur Tür. Ein Blick zum verschmiert Fenster lässt mich kurz innehalten. Rechts die Holzleiter, von der ich gestern fast gefallen wäre. Scheiß Ikea-Möbel.

Der Regen ist unnachgiebig, setzt sich in der Scheibe fest, benetzt zusehends das Gemüt. Kein Entkommen. Was soll's.

Ich wende den Blick ab, schau zu Lena rüber. Sie schläft noch. Halb zugedeckt, der Arsch schaut noch raus. Wie schön sie doch ist. Jedes ihrer Attribute sollte sich gegen mich stellen, sie sich fragen lassen, warum ich überhaupt nackt mit ihr sein darf. Ich schwelgen im Erinnerungssand der letzten Nacht, lasse ihn durch meine geistigen Hände rieseln und ihn Teil einer größeren Sache werden — die ich wohl nicht mehr sehen werde.

Ich schlucke, drücke die Klinke herunter und trete nach draußen. Der Regen ist sogar noch stärker geworden.



Bild: lostandfound.photo

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